ex-verschwundener verschwunden

seit montag, dem 18. september, ist der 77-jährige argentinier julio lópez verschwunden. lópez war 1976 von militärs entführt worden und nun hauptzeuge in dem verfahren gegen den an seiner entführung beteiligten militär miguel etchecolatz, der am 19. september wegen folter, mord und entführung von regimegegnern zu lebenslanger haftstrafe verurteilt wurde.
in diesen momenten finden an verschiedenen orten in argentinien zahlreiche demonstrationen statt, die lópez‘ „erscheinen am leben“ (lässt sich schlecht übersetzen) von der regierung kirchner fordern:

julio lopez verschwunden

allerdings scheint sich auch hier die spaltung der linken/ menschenrechtsbewegenug in pro- und contra-kirchner widerzuspiegeln, so wird denn auch in regierungskreisen wiederum vermutet, es könne sich bei der mutmaßlichen entführung um eine antwort auf kirchners menschenrechtspolitik von seiten der an der repression während der militärdiktatur (1976-1983) beteiligten handeln. der gouverneur der provinz buenos aires schließt nicht aus, dass polizeibeamte verwickelt sein und es um die einschüchterung weiterer zeugen gehe.

update:

lopez-demo

an der gestrigen demonstration gegen das verschwinden von lópez zur plaza de mayo beteiligten sich etwa 20.000 bis 40.000 menschen. nilda eloy von der asociación de ex detenidos desaparecidos hielt den einzigen redebeitrag, der von mehreren hundert organisationen und gruppen unterzeichnet wurde. in diesem wurde unter anderem thematisiert, dass der sicherheitsminister von buenos aires kürzlich zugegeben hat, dass 60 bonaerensische polizisten, die während der diktatur in den folterzentren aktiv waren, bis letzten freitag im amt waren. dabei scheint es sich jedoch nur um die spitze des eisbergs zu handeln, keiner weiß, wie viele der funktionäre aus streitkräften, polizei und geheimdienst in der vergangenheit zu den repressoren gehörten.

lopez-demo plaza de mayo

update 2:

von der demonstration gibt es mittlerweile auch ein video.

3 kommentare

der URI für den trackback dieses eintrags ist: http://kristi.blogsport.de/2006/09/27/ex-verschwundener-verschwunden/trackback/

  1. Ich wollte dir danken fuer deinen guten Bericht ueber Lopez. Ich bin gerade in Argentinien und bin ehrlich gesagt ziemlich schockiert ueber diese ganze Geschichte. Ich wohne in La Plata und komme nichtsahnend aus der Uni und sehe auf einmal vor mir eine handvoll vermummter Argentinier mit BAseballschlaegern in der Hand stehen. Diese haben die Strasse verbarrikadiert und und sozusagen eingenommen. Ueberall brannten Reifen und alles was noch fuer ein Feuer zu gebrauchen war. Ich habe versucht, mich mit den Argentiniern die ich kenne ueber dieses Thema zu unterhalten, doch man merkt scnell, das da irgendwo ein Blockade entsteht. Ich bin kein Soziologe, aber irgendwie hat das was von Massenpsychose. Keiner weiss etwas, keiner sagt etwas. Ich denke es dauert noch eine ganze Weile, bis die Leute hier verkraften, was ihnen angetan worden ist.


  2. Die Aufarbeitung der Videla-Diktatur ist tatsächlich ein brandheißes Tagesthema in Argentinien. Allerdings verläuft die genau so bescheuert ab, wie in Dtl mit dem NS. Großes Erschrecken der Demokraten (Peronisten) über DAS GAAAANZ andere Herrschaftsmodell und gleichzeitiges Aufatmen, dass Demokratie herrscht. Also keine Erklärung dessen, warum die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung auch mal etwas mehr als übliche Repression verlangt (Ausschalten von Opposition und Volksfeinden)…dass da jede Menge Gemeinsamkeiten zw. den Herrschaftsmodellen unterwegs sind, stellen die Argentinier teilweise selber fest, wenn sie sich wundern, was denn so anders gewesen sein soll unter Videla? Da meinte eine Dame mal: „Da war nicht viel anders: „Es gab Schulen mit Lehrern, Krankenhäuser mit Ärzten, Arbeiter, Anwälte…die meisten hatten halt Uniformen statt zivil an“ Das ist der Standpunkt eines argentinischen Fans seines Staates, der es für die Rettung seines Staates okay findet, wenn der Notstand ausgerufen wird. Und solche sind es auch, die dann Lopez verschwinden lassen. Aber nun die andere Sorte, demokratischer arg. Nationalisten und Menschenrechtler als das bessere darzustellen, das stellt sich blind zum Verhältnis der Herrschaftstechniken von Demokratie und Diktatur.

    Ein Anarchist sprühte da letztlich treffend an eine Wand in Buenos Aires „Democracia, Dictatura, Represion continua“.


  3. @matthias: freue mich sehr, dass dir mein artikel gefallen hat und vielleicht sogar hilfreich war. ich habe ihn extra geschrieben, weil es auf deutsch noch nichts zu dem thema gab, mittlerweile hat allerdings auch spon einen artikel dazu.
    wenn du mit leuten über die diktatur reden willst, würde ich dir empfehlen, kontakt mit welchen zu suchen, die in der menschenrechtsbewegung aktiv sind, z.b. bei h.i.j.o.s, der organisation der kinder der verschwundenen, die werden dir auf jeden fall was dazu sagen können und wollen.

    @hunter: sicherlich gibt es parallelen zur vergangenheitsaufarbeitung in deutschland, aber auch relevante unterschiede. am augenfälligsten ist wohl, dass in der argentinischen menschenrechtsbewegung vor allem die angehörigen der opfer aktiv sind, eine vergleichbare bewegung hat es in deutschland nie gegeben. dies bedingt sich auch durch die struktur der jeweiligen verbrechen: in argentinien war es eine klar identifizierbare tätergruppe (das militär und andere sicherheitskräfte) plus einige kollaborateure, während im ns praktisch die gesamte deutsche bevölkerung mehr oder weniger in die verbrechen involviert war oder zumindest auch hinter den nazis stand. vom zeitlichen aspekt müsste man die situation in der brd in den 70ern mit dem heutigen argentinien vergleichen. die damaligen aktivist_innen (68er) wendeten sich, eingerahmt durch schuldabwehrkomplexe, gegen ihre eltern als täter_innen, während die vergangenheitspolitischen aktivist_innen in argentinien sich klar in der rolle der opfer bzw. ihrer angehörigen sehen. diese opfer-angehörigen gab es in dem maße in d-land nicht, da die judenvernichtung in europa so massiv war, dass für die wenigen überlebenden ein weiterleben in d-land unter den täter_innen größtenteils nicht in frage kam.
    die rolle der peronisten wiederum ist sehr komplex, nicht nur, da sie sich sowohl auf der seite der opfer als auch auf der seite der täter finden. ein ganz spannender artikel auf deutsch zum peronismus und politischen kämpfen findet sich hier.


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