fehlende selbstbeobachtung

wie sich (nicht nur) in der literatur über weblogs feststellen lässt, beobachtet die blogosphäre sich sehr gerne selbst und reflektiert über ihr tun, was so weit geht, dass sich teilweise von einer sehr starken selbstreferentialität sprechen lässt. ebenso tun dies auch die verschiedenen fraktionen der wie auch immer zu definierenden linken szene, egal ob auf dem plenum, in der kneipe oder neuerdings auch in diversen blogs.

was mir im zuge meiner recherche über blogs und politik aufgefallen ist und auch zu denken gegeben hat, ist ein mangel an reflektion und selbstbeobachtung sowie analyse der stetig wachsenden „linken blog-szene“. die wissenschaftliche literatur über politische blogs hat diese bisher nicht wahrgenommen, auch wenn eine relative linkslastigkeit innerhalb der parteipolitischen zuordnung der so genannten politblogs indiziert wird. was sich jenseits des parteienspektrums in der blogosphäre abspielt, wird bisher nicht erfasst, ist möglicherweise noch zu neu.
andererseits hat sich in linksradikalen oder auch mehr oder weniger antideutschen blogkreisen noch kein regelwerk entwickelt, was zu schreiben sinnvoll ist und wann man es lieber sein lässt. manchmal blitzt es auf, werden diskussionen abgebrochen, weil zuviel szenetratsch nicht ins netz gehöre, aber die grenzen sind mehr als unklar. der glauben an eine anonymität und der wunsch nach aufmerksamkeit lässt manchmal doch mehr an die öffentlichkeit, als es andere sich vielleicht wünschen würden.

wäre es nicht langsam an der zeit, die bedeutungen und auswirkungen sowie die chancen und risiken der massiv ansteigenden zahl der „szene-blogs“ zu diskutieren?

15 kommentare

der URI für den trackback dieses eintrags ist: http://kristi.blogsport.de/2006/10/11/fehlende-selbstbeobachtung/trackback/

  1. ja! du hast absolut recht. finde es teilweise erschreckend,was – gerade aus berliner (wohl wegen der hohen anzahl) – blogs alles rauszulesen ist, von gruppenzugehörigkeit über gruppeninterna bis ausgehverhalten, aussehen, demobesuche und drogenkonsum. super gelegenheit für profiler aller art.
    release doch mal das ultimative regelwerk zum thema ;)


  2. hört sich schon sehr interessant an… und ich sage glaube ich meist lieber etwas weniger als zu viel… obwohl es schwer abzuschätzen ist was nun zu viel ist und was man raushauen kann… ich finde da sollen mal welche drüber Diskutieren! :)


  3. „…wäre es nicht langsam an der zeit…“ – „…da sollen mal welche drüber Diskutieren!“

    Dann beruft mal schön das Internet-Plenum ein. Oder ob es einfach möglich wäre, daß jeder schreibt, was er oder sie dazu denkt? Oder es läßt, weil Blogs eben genau von der undefinierten und subjektiven Mischung von Anschauungen und Empirie leben?

    Ordentliche Diskussionsrunden gibt’s in real life genug. Da gehören sie auch hin.


  4. es geht ja nicht um die implementierung einer autorität um der autorität willen – was eh nicht möglich wäre, da internetlinksradikalen gemeinhin keine sanktionsmöglichkeiten zur verfügung stehen – sondern um das schaffen von sensibilität. und ich finde diese sensibilität sollte spätestens da einsetzen wo von der eigen- zur fremdgefährdung geschritten wird, wenn z.b. von blogger_innen beschrieben wird auf welcher party sie welchen sprayer (hier beliebige andere extralegale profession einsetzen) getroffen haben o.ä. da endet dann eben mein vertrauen in die selbstheilungskräfte der blogosphäre.


  5. @w: das scheint mir auch ausdruck des problems zu sein, dass antifa-szene gerade in berlin so was wie die falsche aufhebung der scheidung privates/politisch es darstellt. viele leute scheinen ja über gar nix mehr bloggen zu können, was nicht schon zumindest durch das personal politische implikationen birgt…


  6. ich halte es da auch eher mit classless.

    gerade auch, weil die einschätzung von krisit imho von selbstüberschätzung zeugt. den ganzen szene-quatsch und gsp/antideutschen-gebashe interessiert niemanden. nicht, dass es parteipolitische blogs soviel länger gibt (die wirkliche verbreitung fand während der letzten bundestagswahl statt, die linke bloggt schon deutlich länger), sondern die schreiben über sachen die man auch versteht wenn man seine unschuld nicht auf irgendwelchen antifa-schulungswochenenden oder in einem beleibigen kessel verloren hat.

    zudem halte ich die internet-aktivitäten der dorgenfahndung für gering, bei den ganzen streetart- und graffittisachen kann ich nix zu sagen, allerdings ist da ein rumprahlen, egal in welchem rahmen, meist mit dem baldigen ende der karriere verbunden.

    so meine ich, dass jeder selbst entscheiden sollte, und das auch experimentell ergründen, was er wann und wie bloggt.


  7. Ich finde ja auch, dass man sich jetzt nicht geben muss, ob „subwave“ morgens nicht kacken kann oder „Torsun“ jammert, weil er eine geschmiert gekriegt hat, aber was ich gerne mal wissen will, Kristi, wieso Du auf diesen Planeten als Beispiel kommst für deine Anmerkung? Da gehts ja schon recht unpersönlich und sachlich zu.


  8. @w: freue mich über deine zustimmung, allerdings geht es mir nicht um ein „regelwerk“ – vor allem nicht um eins, was ich entwerfen würde. allenfalls könnten sich durch eine diskussion bestimmte tendenzen herausstellen, und, wie du schreibst, eine sensibilität geschaffen werden.
    der anlass zu diesem eintrag war eben das gefühl, dass sich hier eine dynamik verselbständigt, über die vielleicht auch mal nachgedacht werden sollte.

    @phex:

    „da sollen mal welche drüber Diskutieren!“

    das klingt irgendwie nach einer komischen auslagerung – wer soll denn darüber diskutieren wenn nicht die blogger_innen selbst?

    @classless:

    „Ordentliche Diskussionsrunden gibt’s in real life genug. Da gehören sie auch hin.“

    sicherlich gibt es viele diskussionen im real life. aber sie finden meist zwischen anderen menschen statt, als sie dies online tun – viele blogger_innen haben da aus sozialen oder geographischen gründen gar keinen zugang zu. mir geht es hier überhaupt nicht um ein „internet-plenum“, sondern einfach um ein bisschen reflektion über das eigene tun, und zwar jetzt nicht nur als einzelne person, sondern auch im kontext der „community“ (auch wenn die meisten es wahrscheinlich nicht so nennen wollten, denke ich, dass man hier schon von so etwas im sinne eines sub-netzwerkes gegenseitiger verlinkungen etc. sprechen kann. durch die vernetzung entsteht eine übergeordnete soziale und diskursive struktur, die mehr ist als die summe ihrer teile (siehe z.b. den hier verlinkten aufsatz)). das argument, dass „ordentliche diskussionen“ ins real life gehören, könntest du ja auch gegen das gesamte internet anwenden – aber mittlerweile hat sich die lage nun mal so entwickelt, dass viele diskussionen im netz stattfinden, und das lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen. deshalb finde ich es hier im virtuellen auch den geeigneten ort, um eine beobachtung 2. ordnung durchzuführen.
    ich stimme dir aber zu in dem punkt, das blogs gerade von der „subjektiven Mischung von Anschauungen und Empirie leben“. das persönliche ist es ja gerade, was blogs (zumindest für mich persönlich) spannender macht als „rein politische“ artikel oder diskussionen. deshalb fände ich es auch total unsinnig, dafür zu argumentieren, das persönliche rauszulassen. man sollte eben nur drauf achten, was man schreibt, denn einmal veröffentlich, bleibt es meistens für immer erhalten.

    @bigmouth:

    „falsche aufhebung der scheidung privates/politisch“

    was falsch und was richtig ist, lässt sich schwer sagen, und das möchte ich auch gar nicht entscheiden. das bloggen an sich stellt ja schon eine neue mischung aus öffentlicher und interpersonaler kommunikation dar, somit heben sich hier auch andere trennungen auf. deshalb meine ich ja, dass es sinnvoll wäre, darüber ein bisschen mehr nachzudenken!

    @eisprinzessin: ich möchte auch überhaupt nicht dagegen argumentieren, dass nicht jede_r selbst entscheiden soll, was sie_er bloggen will. wonach und wie im internet gefahndet wird, lässt sich nicht nachvollziehen, und inwieweit z.b. nazis antifa-blogs lesen genausowenig (btw: hat jemand kenntnis von bloggenden nazis?).
    bzgl. der selbstüberschätzung weiß ich nicht genau, wo deine kritik ansetzt. ich habe nur bemerkt, dass in der letzten zeit die anzahl der blogs von menschen, die sich irgendwie szene-affin darstellen, angewachsen ist, eine bewertung der relevanz habe ich ja noch gar nicht vorgenommen. und ob das geschriebene jemanden interessiert, lässt sich schlecht beurteilen – im zweifelsfall interessiert es eben immer die, von denen man eigentlich nicht möchte, dass sie es lesen …

    @working class hero: den planet kommunismus habe ich angeführt, weil dort blogs versammelt sind, in denen über die politik der linken reflektiert wird. du hast aber recht, dass dort das persönliche ziemlich rausgehalten wird und die bspw. von w und bigmouth aufgeführten punkte nicht so zutreffen.

    soweit erst mal, und noch eine anmerkung zum schluss: diskutiert wurden bisher vor allem die risiken, während die chancen der neuen entwicklungen nicht weiter betrachtet wurden. hat es nicht auch was gutes, wenn bestimmte positionen im netz sichtbarer werden? ist das medium blog, was gerade auch bei der jüngeren generation stark im kommen ist, nicht auch eine chance, inhalte zu verbreiten, zu diskutieren und weiterzuentwickeln?


  9. Okay, dass in den Blogs des Kommie-Planeten auch über die Inhalte linker Politik gebloggt wird, stimmt.

    Ansonsten halte ich Deine Warnung vor Risiken – nicht nur im Netz – für korrekt. Die Leute, die da teilweise bloggen, gerade, weil sie ja auch aus dem staatlich ungern gesehenen Spektrum kommen, erzählen so viel, dass sie eigentlich ein Dossier über sich gleich dem VS schicken könnten. Erstens. Zweitens ist es aber auch konsequent links, weil links oftmals nicht die Klärung und Vergegenwärtigung von gesellschaftlichen Zuständen heißt, sondern oftmals der Übergang zu Identität in Gruppierungen und/oder Selbstdarstellung gemacht wird. Und das ist dann halt mehr Thema als die Dinge, über die Linke sonst so reden. Kein Wunder, dass das in der Blogosphäre genau so läuft…


  10. ich meinte damit eher die antifa-szene als einen lebensraum, der von einer erstaunlichen homogenisierung der eigenen peer group geprägt ist, wo die leute immer im eigenen saft schmoren, und teilweise jeden blick auf das leben ausserhalb der szene verlieren


  11. also wenn mensch weiß, was sich übers netz alles über z.B. nazis rausfinden lässt und wenn ich mit dann den umgang mancher linker mit infos im netz (besonders in der blog-szene) anschaut wundere ich mich manchmal schon sehr….
    die kehrseite der technischen möglichkeiten sollte vielleicht auch ab und zu mal mitbedacht werden. mehr und einfache kommunikation bedeutet bei falscher handhabung fast immer weniger anonymoität. und da sollte mensch sich angesichts des ausbaus überwachung usw. doch mal gedanken drüber machen….


  12. @kristi
    „man sollte eben nur drauf achten, was man schreibt, denn einmal veröffentlich, bleibt es meistens für immer erhalten.“

    Volle Zustimmung – den Teil sehe ich komplett ein, doch steckt darin ein „sollte“, was es eben zu nichts weiter als deinem Diskussionsbeitrag macht, auf den – mit Verlaub – höchstens ein paar Dutzend andere Blogger überhaupt stoßen werden.

    Ich vertraue nicht auf die Selbstheilungskräfte des Internet, aber sehe niemanden in der Position, auch nur erfolgversprechende Vorschläge für die Blogpraxis zu unterbreiten. We have no control, we are not in command.

    Es bleibt, selbst eine bestimmte Praxis durchzuziehen (welche Kommentare werden gelöscht, wo werden Klarnamen vermieden etc.) und darauf zu hoffen, daß das als Beispiel funktioniert. Oder es muß für etwas mehr Einfluß zumindest auf Linksradikal-Blogograd wirklich eine Gruppe für Internetpolitik gegründet werden, die dann aber auch im real life existieren müßte, um etwas zu bewirken.


  13. Öh. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier so ein bisschen Klischees gedroschen werden. was das Bloggen angeht. Es gibt ganz wenige Blogs, die von Außenstehenden mit bestimmten Namen verbunden werden können. Die meisten sind anonymisiert.

    Da finde ich irgendwelche Myspace Social Networks viel interessanter für gewisse an Netzwerken interessierte Institutionen/etc.

    Das Bloggen hat da IMHO immer noch mehr positive Potenziale im Vergleich zu den negativen.

    Ich meine, jede_r Blogleser_in kann doch einem bestimmten Blogger/ einer Bloggerin Hinweise geben, wenn sie der Ansicht sind, da wird zu viel verraten, da wird jemand identifizierbar. Ansonsten empiehlt es sich vielleicht manchmal, einfach auf den Internet-Fame, den Mensch sich aufgebaut hat, zu sch….. und irgendwo anders was Neues aufzumachen.

    Darüberhinaus, aber das wissen sicherlich alle Panikmacher_innen hier, gibt es immer noch die Möglichkeit der Selbstzensur und/oder des sicheren Zugriffs auf sein eigenes Blog über Tor-Netzwerk oder andere Anonymisierer. Es gibt sogar die Möglichkeit, Blogeinträge zu verschlüsseln. Oder, und das ist zugegebenermaßen nicht ganz so sicher, bei Wordpress Passworte für einzelne Beiträge zu vergeben.


  14. @sammelsurium
    Schön gesagt.


  15. stimmt schon. insbesondere sachen wie das studiverzeichnis (myspace f studenten mit riesiger beteiligung und riesigem zuwachs) laden viel mehr zur leichtsinnigkeit ein. das dürfte f nazis teilweise extremst attraktiv sein und werden


RSS-feed für kommentare zu diesem eintrag

kommentar hinterlassen

leider ist der kommentarbereich für dieses mal geschlossen.




Datenschutzerklärung




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: