dipl.-dissing, heute: polyaffen und spermienkrieg

„oh, eine diplomarbeit zum thema polyamory!“, freute ich mich (mal wieder auf der anstrengenden suche nach einem prüfungsthema), ist doch die wissenschaft hier noch nicht so weit fortgeschritten. ob das werk des herrn rüther allerdings ein gewinn für die forschung ist, bleibt offen. gleich in der einleitung (s. 5) wird die leser_in mit fakten konfrontiert, die sie eigentlich gar nicht wissen möchte:

Persönlich war ich auf der Suche nach einer Lebensform, die sowohl meine Bedürfnisse nach Freiheit, Autonomie, Abwechslung, Abenteuer und Ehrlichkeit berücksichtigen, als auch nach Nähe, Geborgenheit und Kontinuität. Einerseits gab es immer einen inneren Vorbehalt gegen die „Ehe“ oder monogame Dauerpartnerschaft, weil sie mir unnatürlich, einengend und wenig lebensfroh erschien, und andererseits scheiterte mein persönlicher Versuch dennoch so zu leben, nachdem meine Verlobte sich nach langem Hin und Her von mir getrennt hatte.
„Na gut, das hat nicht funktioniert, was gibt es denn jetzt noch für Möglichkeiten?“ war die Leitfrage, die mich zu Polyamory brachte.

ok, da ist jemand entäuscht von seinem bisherigen liebesleben, aber schreibt man so etwas in seine diplomarbeit? ich habe trotzdem noch ein wenig weitergelesen. zumindest bis zum kapitel „Bonobos – Modell einer polygamen Gesellschaft“ (S. 19-25):

Sowohl die Bonobos, als auch die etwas größeren Schimpansen leben in polygamen Beziehungsgeflechten, leben vielleicht wie die ersten Menschen zusammen und könnten auch etwas über die Frühformen menschlicher Beziehungen aussagen.

aha – die affen also! nun gut, man muss dem autor zugute halten, dass er anscheinend nicht von selbst auf die idee gekommen ist, sondern diese argumentation auch schon anderweitig verwendet wurde (vgl. fn 35). aber so etwas in einer geschichtswissenschaftlichen (!) arbeit zu verwenden, dazu gehört doch schon einiges. um seine grundthese „Der Mensch ist von Natur und Kultur aus polytrop“ (s.18) zu belegen, geht er aber noch weiter (s.25):

Hier möchte ich die Theorie des „Kriegs der Spermien“ von Robin Baker anführen. Mir scheinen seine Ausführen plausibel, nachvollziehbar und einleuchtend. Allerdings bin ich in diesem Gebiet nicht so bewandert, dass mir die Rezeption seiner Ansichten bekannt wäre. Ich gehe mal davon aus, dass sie derzeit anerkanntes Wissensgut sind und möchte im Folgenden seine Theorie genauer darstellen.

das muster der „ich gehe mal davon aus“, „wahrscheinlich“ oder „wohl“ zieht sich recht konsequent durch die arbeit, zumindest durch die ausschnitte, die ich gelesen habe. wenn man allerdings schon zugibt, etwas nicht einschätzen zu können, ist es doch ganz schön hart, dies trotzdem als „anerkanntes wissensgut“ darzustellen …
diese „theorie“ soll hier jetzt nicht näher ausgeführt werden, stattdessen noch ein weiteres schmankerl (s. 27):

Auch evolutionsbiologisch lässt sich eine logische Linie sehen, wenn man sich die nahen Verwandten des Menschen anschaut. Sowohl Schimpansen und Bonobos als auch Orang-Utans und Gorillas leben polygam, wobei erste eher eine Auseinandersetzung um das Ei innerhalb des Weibchen führen (Spermienkrieg, längerer Schwanz/dicke Hoden = hohe Anzahl von Kämpfern), während letztere die Auseinandersetzung auf sozialer Ebene führen, d.h. es gibt ein Alpha-Tierchen, das die Weibchen besamen darf, der Rest wird verjagt (kürzerer Schwanz/ kleine Hoden).
Biologisch gesehen liegt der Hoden des Mannes in Relation zur Körpergröße genau zwischen Gorilla und Schimpanse. Er kann also beide Formen polygamer Auseinandersetzung pflegen.

nach diesen ausführungen ist mir endgültig die lust am weiterlesen vergangen. auch wenn er (noch kurz das fazit überflogen) erkennt, dass seine Grundthese „so natürlich nicht stehen bleiben“ kann, will er wenigstens ein bisschen recht behalten (s. 123):

Dennoch scheint mir meine Argumentation schlüssig und einleuchtend, gibt zumindest eine grobe Richtung oder Tendenz wieder und macht deutlich, dass der westliche Mythos der Monogamie kritisch zu hinterfragen ist.

ja, mein lieber. monogamie lässt sich kritisch hinterfragen. dazu braucht man allerdings keine menschenaffen oder spermienkriege herbeizuzitieren, vor allem nicht in einer historischen arbeit. ich will gar nicht weiterdenken, was man mit so einer argumentation noch alles rechtfertigen könnte.

aber ich weiß jetzt zumindest, welches prüfungsthema ich nicht nehmen werde.

kristi empfiehlt

60 Jahre nach Kriegsende begibt sich Filmemacher Malte Ludin auf Spurensuche nach der Geschichte seines Vaters Hanns Ludin, eines überzeugten Nationalsozialisten, der 1947 als verurteilter Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Verdrängung, Schuld und Tabuisierung innerhalb einer Familie zeigen, wie wenig vergangen die Vergangenheit ist.

heute abend um 23.05 uhr bei arte:
2 oder 3 dinge, die ich von ihm weiß
dokumentarfilm, deutschland 2003

kuriositäten

es muss an der jahreszeit liegen. vor fast genau einem jahr waren es jeweils vier dinge, die das stöckchen forderte, diesmal sollen es „sechs kuriose fakten über mich“ sein. die ehre wurde mir durch sv zuteil, also werde ich es mal versuchen, euch mit neuen fakten über mich zu überraschen:

1. genau einmal im leben habe ich eine diät gemacht und dabei in drei monaten über 15 kilo abgenommen – ohne danach wieder großartig zuzunehmen

2. klamotten kaufen ist für mich total anstrengend und lästig, aber dafür kann ich stunden in großen supermärkten verbringen und dabei manchmal sogar entspannen

3. seit knapp 2 jahren mag und trinke ich kein bier mehr, höchstens noch als lemon

4. schon seit der ersten staffel gucke ich mehr oder weniger regelmäßig dsds

5. dieses jahr werde ich aller voraussicht nach zum 10. mal nach amerika fliegen, ohne jemals in den usa gewesen zu sein

6. so richtig umgezogen bin ich aber noch nie

soweit ich das bei meinen rückverfolgungen der wege des stöckchens nachvollziehen konnte, ist dieses ursprünglich an sechs blogger_innen weiterzureichen. dieses mal geht es von mir an die letztes jahr noch nicht bedachten subwave, fitzcarraldo, timolin, fearofme, zahai und k.kate. ich bin gespannt, wäre aber auch nicht beleidigt, wenn ihr nicht wollt …

nischenthema: fortsetzung folgt tatsächlich

Gusinde steht in einem ambivalenten Verhältnis zu anderen Vertretern der „Wiener Schule“, etwa zu P.W. Koppers. Er begleitete Gusinde auf einer Forschungsreise in Chile [und] publiziert in der Folge dessen Forschungsergebnisse in seinem eigenen Namen.

so heißt es in einer einführung in die kultur- und sozialanthropologie lateinamerikas. interessanterweise findet sich ebendiese publikation koppers‘ als scheinbar einzige volltext-version über die feuerlandindianer im netz. ich bleibe aber lieber beim original und habe den koppers, obwohl mir auch in papierform vorliegend, nicht in meine gerade an den prof geschickte literaturauswahl aufgenommen, musste da schließlich eh etwas selektieren.

ärgerlich indes, dass ich nicht mitbekommen habe, dass es letzte woche eine fernsehsendung zum thema gab. allerdings von einem tierfilmer gemacht – was irgendwie daran erinnert, dass die feuerland-indianer zu zeiten ihrer „entdeckung“ durch die europäer als zwischen mensch und tier stehend angesiedelt wurden …

dafür ziehe ich mir dann jetzt noch mal schnell die gerade gefundene arbeit über „geschlechterbeziehungen und frauenbild in martin gusindes ethnographien“ rein, denn da hab ich mir bei der lektüre des fetten wälzers über die yamana auch schon so meine gedanken gemacht, wenn gusinde z.b. über die „sittliche verlotterung“ schreibt:

Da sank manche Frau so tief herab, daß sie offensichtlich in einem freien Verhältnis mit einem Europäer monatelang lebte; war ein Teil des andern überdrüssig, führte dieser sowohl wie jener mit neuen Gesellschaftern das gleiche Treiben weiter.

(gusinde, martin: die feuerland-indianer, band II: die yamana, mödling bei wien 1937, s. 354)







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