problematische propaganda

dass die ddr ein ziemlich antizionistischer (und je nach lesart auch antisemitischer) verein war, ist ja nichts neues. auch dass die propaganda gegen die brd eine große rolle spielte und darin ein zentraler punkt war, den (neo)faschistischen charakter dieser herauszuarbeiten, ist wohl allgemein bekannt. bei der lektüre von meinings „kommunistische judenpolitik“ stieß ich allerdings auf informationen, die, wie eine kurze internetrecherche ergab, nicht allzu sehr verbreitet sind, genau eine seite konnte ich ausfindig machen, in der über die aktion „vergißmeinnicht“ berichtet wird.
während des eichmann-prozesses 1961 führte das mfs diese und die aktion „j“ durch, um die glaubwürdigkeit der brd, den faschismus überwunden zu haben, zu untergaben. so sollten einerseits briefe an westdeutsche alt- und neonaziorganisationen verschickt werden, unter anderem mit der aufforderung,

gemeinsam finanzielle Mittel zur Verteidigung Eichmanns zu schaffen und durch eine antisemitische Welle die Notwendigkeit der Judenvernichtung propagandistische zu rechtfertigen.

(zitiert nach meining 2002: 272)

andererseits „verschickte die stasi antisemitische hetzbriefe an jüdische gemeinden und privatpersonen in westdeutschland“ (ebd.), im namen bekannter westdeutscher antisemiten wurden die empfänger_innen mit verweis auf die nationalsozialistische judenvernichtung aufgefordert, deutschland zu verlassen. zu alledem fingierte das mfs als reaktion darauf auch noch anonyme briefe verängstigter westdeutscher juden, die deutschland aufgrund des zunehmenden antisemitismus verlassen wollten.

irgendwie erinnert mich das gerade daran, dass das npd-verbot scheiterte, weil der großteil der partei-kader vom verfassungsschutz war. ein weiteres indiz dafür, dass staatlicher „antifaschismus“ mit geheimdienstlichen mitteln gar nicht funktionieren kann?

10 kommentare

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  1. In beiden Fällen wäre doch die erste Frage, die zu klären ist, welchen Einfluß die geheimdienstliche Tätigkeit jeweils hatte. Ex-MfSler reklamieren ja auch für sich, die 68er und die Friedensbewegung ausgelöst zu haben, und außerdem wäre die RAF ja ohne sie viel schneller gescheitert.

    Das heißt weder, daß das bloß Quatsch ist noch, daß es so stimmt – die Frage ist, ob es abgesehen davon andere, wichtigere Faktoren gab, im Falle des Eichmann-Prozesses eben ungekaufte Verteidiger und real aus Angst auswandernde Juden.


  2. Du schmeißt da recht viel durcheinander:

    1. waren die NPD-Funktionäre nicht vom Verfassungsschutz, sondern sog. V-Leute; heißt NPD-Freunde, die schon ursprünglich Nazis waren und dann mit Geld für Informationsweitergabe angeworben wurden.

    2. Wieso soll denn staatlicher Antifaschismus nicht funktionieren? Nur, weil ein paar Sachen aufgedeckt sind, weißt Du doch gar nicht, wieviel wirklich funktioniert…

    3. Überhaupt ist die Frage nach dem Funktionieren merkwürdig: So was stellt man sich ja erst dann, wenn man den Zweck dessen, was funktionieren soll teilt; hier antifaschismus. Verstehe nicht, was man an Kampf gg. Faschismus im Namen der Demokratie teilen sollte, wo doch letztere nun nicht gerade ein freundliches Leben beschert.

    4. Die Methode des MfS des „agent provocateurs“ – was hat die mit Antizionismus zu tun und was soll denn „je nach Lesart“ Antisemitismus in dem Zusammenhang mit dem „verein“ (?) DDR bedeuten. Da scheinst Du mehr von einem Denunziationsbedürfnis geleitet zu sein, als an wiss. Analyse.


  3. @classless: sicher wäre es interessant, den einfluss der jeweiligen tätigkeiten zu klären, ist aber wahrscheinlich eher schwierig. und sicherlich gab es auch ungekaufte verteidiger eichmanns, zumindestens im gesellschaftlichen sinne (inwiefern sie sich öffentlich äußerten, weiß ich nicht), denn als juristischen verteidiger hatte eichmann nach meinen infos (bzw. laut meining) nur den israelischen pflichtverteidiger robert servatius, da die bundesregierung sich weigerte, die anwaltskosten zu übernehmen (worauf die sed spekuliert hatte). darüber, ob juden zu dieser zeit aus westdeutschland aus angstgründen ausgewandert sind, habe ich leider keine informationen.

    @das geprüfte argument:
    1. einigen wir uns auf „vom verfassungsschutz bezahlt“, ok?
    2. natürlich weiß ich nicht, wie viel wirklich funktioniert. es war ja auch nur eine frage.
    3. den zweck „antifaschismus“ zu teilen, finde ich erstmal nicht verwerflich, sondern selbstverständlich. ich finde zwar das (oder genauer: mein) leben in einer demokratie im verhältnis zu dem in den ansonsten aktuell bestehenden staatsformen durchaus freundlich, aber in meiner frage drückte sich ja gerade die implizite kritik am staats-antifaschismus aus, deshalb brauchst du mir jetzt auch nicht so wortklauberisch zu kommen.
    4. lies noch mal genau nach, ich habe nichts davon geschrieben, dass der antizionismus in diesen methoden zum ausdruck kam. vielmehr sollte der hinweis darauf die folie beschrieben, auf der sich die aktionen abspielten. das „je nach lesart“ bezog sich darauf, dass es entgegen meinem allgemeinen eindruck bei der beschäftigung mit dem thema tatsächlich autor_innen gibt, die das bestreiten, bspw. angelika timm in diesem band (vgl. s. 149-151). und „verein“ benutzte ich hier in meiner literarischen freiheit, denn mein blog ist ja keine wissenschaftliche arbeit. dass du mir ein denunziationsbedürfnis unterstellst, kann ich hingegen nicht nachvollziehen. ich habe nur über etwas geschrieben, dass mir in der literatur begegnet ist, von dem ich vorher noch keine kenntnis hatte und was mir erwähnenswert erschien. die assoziation zum npd-verbot kam mir wie schon oben geschrieben spontan beim bloggen, das ist natürlich überhaupt nicht untermauert und deshalb auch in eine frage gemündet.
    wen denunziere ich denn deiner meinung nach? mir scheint es eher so, als ob du das bedürfnis hast, mich zu denunzieren, denn statt einem inhaltlichen beitrag sehe ich in deinem kommentar vor allem ein abarbeiten an meinen formulierungen.


  4. ideologische zersetzung war das hauptkampfmittel der staatssicherheit. das verschicken von fake-briefen war an der tagesordnung. der staat ddr war antiisraelisch und antisemitisch orientiert. im kalten krieg wurde israel als handlanger des des us-imperialismus behandelt.
    dass die staatsicherheit allerdings tatsaechlich mit nazi-organisationen zusammengearbeitet hat, zumal in den 50er und 60er jahren, halte ich gelinde gesagt fuer ein ammenmaerchen.
    die zeitliche unterscheidung ist schon deshalb nicht ganz unwichtig, weil die fuehrungskader des ddr-staates und auch der staatssicherheit mehr oder weniger aus den gegner der nazis zw. 33-45 besetzt waren.


  5. @salzundessick: von zusammenarbeit habe ich ja auch nichts gesagt, der von meining dargestellte sachverhalt bzieht sich ja eher auf eine art versuchter manipulation von rechtsextremen und des bilds dieser in der brd.
    das die sed-führungskader sich (zumindestens zum großen teil) aus nazi-gegnern rekrutiert haben, stimmt wohl. gerade deshalb ist es ja so paradox, welche politik dort in bezug auf die ns-zeit gefahren wurde, wenn bspw. argumentiert wurde, dass die ddr keine entschädigungen an israel zahlen bräuchte, weil sie ja bereits die „wurzel des faschismus“, also den kapitalismus, ausgerottet hätten und somit ihre schuld getan hätten. außerdem hätte israel keinen anspruch auf reparationen gehabt, weil der staat im 2. weltkrieg noch gar nicht existiert hätte.
    der antikommunismus des ns wurde dem antisemitismus übergeordnet, auch innerhalb der ddr galten juden gegenüber verfolgten kommunisten als opfer zweiter klasse, bzw. wurde differenziert zwischen „kämpfern“ und „opfern“. dies lässt sich z.b. auch an der gedenkstättenpolitik sehr plastisch nachvollziehen (ein gutes beispiel ist buchenwald, wo eine gedenkstätte für die ermordeten juden vom staat nicht vorgesehen war).


  6. nee, du hast das sowieso nicht gesagt, sondern lediglich zitiert :-)
    im kz buchenwald gibt es eine groessere gedenktafel fuer die juedischen opfer, natuerlich nicht vergleichbar mit dem bekannten buchenwald-denkmal fuer alle opfer des lagers. ausserdem baute die sed im fall buchenwald immer sehr auf die selbstbefreiung des lagers durch das kommunistische lagerkomitee. ob diese sich tatsaechlich so ereignet hat, wie in der ddr behauptet, sei mal dahingestellt.
    und du hast natuerlich recht, in der offiziellen geschichtsschreibung der ddr waren kommunisten, antifaschisten und rotarmisten die hauptsaechlichen opfer der nazis, juden und juedinnen kamen nur unter ferner liefen vor.
    in dem moment wo ich das schreibe, kommt mir dieser gedanke irgendwie verwerflich vor, ich lasse das trotzdem mal stehen.
    die haltung gg. israel ist um so paradoxer, da die verbuendete sowjetunion das erste land war, welches israel anerkannte und vom ersten tag an mit waffen unterstuetzte. er spaeter im kalten krieg aenderte sich diese haltung.


  7. in der offiziellen geschichtsschreibung der ddr waren kommunisten, antifaschisten und rotarmisten die hauptsaechlichen opfer der nazis, juden und juedinnen kamen nur unter ferner liefen vor.
    in dem moment wo ich das schreibe, kommt mir dieser gedanke irgendwie verwerflich vor, ich lasse das trotzdem mal stehen.

    was kommt dir denn an dem gedanken verwerflich vor? nach der literatur, die ich dazu gelesen habe, handelt es sich dabei eher um eine tatsache, die zwar verwerflich ist, aber doch nicht das benennen dieser. und die zeiten, in denen eine kritik an der ddr-politik die affirmation der brd-politik implizierte, sind ja wohl mittlerweile vorbei!

    die haltung der ddr zu israel lässt sich eben nur unter der berücksichtigung der machtverhältnisse des kalten krieges und dem „kampf um anerkennung“ unter den bedingungen der hallstein-doktrin erklären: wenn die ddr gegen israel agitierte, stieg ihr ansehen in den arabischen staaten und somit, zumindest in der wahrnehmung der ddr, die chance auf eine diplomatische anerkennung durch diese. dass die arabischen staaten letztlich die guten wirtschaftlichen kontakte mit der brd nicht zugunsten der wirtschaftlich weniger bedeutsamen ddr aufzugeben bereit waren, machte den ddr-strategen dann allerdings einen strich durch die rechnung.


  8. mir kommt mein gedanke insofern verwerflich vor, da er unterschiedliche opfergruppen der nazis vergleichend gegeneinander stellt.


  9. @salzundessick: aber eigentlich will der gedanke doch kritisieren, dass in der ddr zwischen den opfergruppen differenziert bzw. verglichen wurde, von daher trifft der dir selbt gemachte vorwurf gar nicht – oder?


  10. doch, der trifft. nur weil die ddr, aus welcher ich uebrigens einen groesseren teil meiner sozialisation habe, diesen vergleich zog, muss ich das noch lange nicht. ausserdem ist es natuerlich fakt, dass nicht nur die ddr-geschichtsschreibung diese art vergleiche anstellte, sondern historiker jeglicher ausrichtung. ich denke da z.b. an die darstellung ‚deutschen widerstands‘ von 20. juli oder an die stalinismus-opferverbaende, die vertriebenen …
    das ist also nichts ddr-spezifisches.


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