argentinien im netz

wenn ich mal wieder wissen möchte, was in argentinien gerade so abgeht, schaue ich meistens beim clarín, eine art spon argentiniens, oder auch mal bei indymedia vorbei. nun geht es hier um tagesaktuelle meldungen, und wenn man da ein bisschen raus ist, muss man erst mal ein bisschen recherchieren, um den kontext der ereignisse überhaupt zu verstehen. außerdem ist das ja alles auf spanisch, das verstehe ich zwar ganz gut, aber einerseits ist es auch für mich lockerer, mal was zusammenfassendes auf deutsch zu lesen und andererseits soll es ja auch ne ganze menge menschen geben, die kein spanisch sprechen – und vielleicht interessiert sich der eine oder die andere ja trotzdem für argentinien.

wollte man bisher nachrichten aus argentinien auf deutsch lesen, blieb einem eigentlich nur das wöchentlich in argentinien und online als pdf, von daher etwas unpraktisch, erscheinende argentinische tageblatt, der sehr wirtschaftsorientierte dienst argentinienaktuell.com oder ein, zwei meldungen bei poonal, dem wöchentlichen pressedienst lateinamerikanischer nachrichtenagenturen – und das war’s dann.

aber jetzt hat die fotografin und journalistin beim erwähnten tageblatt camilla landbø die lücke mit gleich zwei argentinien-blogs gefüllt, als da wären: argentinien – politik und gesellschaft sowie argentinien – aktuell. texte zu politik und gesellschaft. der unterschied zwischen beiden seiten ist mir noch nicht so ganz klar, da sie zum großen teil – aber eben nicht komplett – dieselben texte enthalten, aber da beide erst in den letzten monaten entstanden sind, gehe ich mal von einer pilotphase aus, an deren ende sich vielleicht eins herauskristallisiert. auf jeden fall eine neuentdeckung, die mich sehr erfreut, auch wenn ich mich noch nicht entscheiden kann, welches ich jetzt bookmarken soll.

dahingebracht hat mich übrigens die geschichte des venezolaners und chavez-freundes, der bei der einreise nach argentinien einen koffer mit 800.000 dollar mal eben am zoll vorbeiführen wollte, die sich nach chavez‘ weigerung, auf nachfrage von kirchner die verantwortung zu übernehmen, möglicherweise zu einer diplomatischen krise zwischen den beiden sich eigentlich doch gerne befreundet gebenden regierungen zu entwickeln scheint.

eine schlechte und zwei gute nachrichten

erschreckend unerfreulich:

DGB-Jugend wollte bei einem Infoabend Rechtsextremen den Zutritt verweigern. Als die dennoch anrücken, tritt die Polizei auf den Plan: Entweder werden die Nazis eingelassen – oder die Veranstaltung vorzeitig abgebrochen

andreas speit berichtet in der taz hamburg über einen polizeilich legitimierten nazi-angriff, wie man so einen in der „coolen hansestadt“ bisher nicht gekannt hat.

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allgemein erfreulich:

Nach über dreistündiger Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Köln hat die Polizei am 16. November 2006 durch Teilnehmerinnen des 6. antirassistischen Grenzcamps in drei Klagepunkten eine Niederlage erlitten. Das Grenzcamp hatte im Jahr 2003 seit dem 30. Juli auf den Poller Wiesen als rechtmäßig angemeldete Versammlung seine Zelte aufgeschlagen und war am 9. August 2003 von der Kölner Polizei mit über 2000 BeamtInnen geräumt worden.

die soligruppe 6. antirassistisches grenzcamp berichtet auf indymedia von dem bisher erfolgreichen verfahren. die bestätigung, dass die ganze räumung rechtswidrig war, steht allerdings noch aus.

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persönlich höchst erfreulich:

das kann jetzt nochmal gefeiert werden, denn dem entscheidenden leser hat das werk sehr gut gefallen.

ex-verschwundener verschwunden

seit montag, dem 18. september, ist der 77-jährige argentinier julio lópez verschwunden. lópez war 1976 von militärs entführt worden und nun hauptzeuge in dem verfahren gegen den an seiner entführung beteiligten militär miguel etchecolatz, der am 19. september wegen folter, mord und entführung von regimegegnern zu lebenslanger haftstrafe verurteilt wurde.
in diesen momenten finden an verschiedenen orten in argentinien zahlreiche demonstrationen statt, die lópez‘ „erscheinen am leben“ (lässt sich schlecht übersetzen) von der regierung kirchner fordern:

julio lopez verschwunden

allerdings scheint sich auch hier die spaltung der linken/ menschenrechtsbewegenug in pro- und contra-kirchner widerzuspiegeln, so wird denn auch in regierungskreisen wiederum vermutet, es könne sich bei der mutmaßlichen entführung um eine antwort auf kirchners menschenrechtspolitik von seiten der an der repression während der militärdiktatur (1976-1983) beteiligten handeln. der gouverneur der provinz buenos aires schließt nicht aus, dass polizeibeamte verwickelt sein und es um die einschüchterung weiterer zeugen gehe.

update:

lopez-demo

an der gestrigen demonstration gegen das verschwinden von lópez zur plaza de mayo beteiligten sich etwa 20.000 bis 40.000 menschen. nilda eloy von der asociación de ex detenidos desaparecidos hielt den einzigen redebeitrag, der von mehreren hundert organisationen und gruppen unterzeichnet wurde. in diesem wurde unter anderem thematisiert, dass der sicherheitsminister von buenos aires kürzlich zugegeben hat, dass 60 bonaerensische polizisten, die während der diktatur in den folterzentren aktiv waren, bis letzten freitag im amt waren. dabei scheint es sich jedoch nur um die spitze des eisbergs zu handeln, keiner weiß, wie viele der funktionäre aus streitkräften, polizei und geheimdienst in der vergangenheit zu den repressoren gehörten.

lopez-demo plaza de mayo

update 2:

von der demonstration gibt es mittlerweile auch ein video.

ohne worte

mag

der letzte tag

ein komisches gefühl. nach 33 wochen stunden aufschreiben heute nun aufzustehen mit dem wissen, dass es heute das letzte mal ist, dass ich den ganzen tag vor dieser arbeit sitze. will heißen: bis nicht die letzte korrektur eingegeben, die letzte silbentrennung durchgeführt, der letzte kommentar (wohl unbeantwortet) entfernt, das dokument einschließlich anhang komplett zusammengesetzt und zum x-ten mal durchgegangen, ist, gibt es keinen feierabend.
gestern habe ich 14 stunden gearbeitet, bis 1 uhr morgens. leider bin ich heute doch etwas müde, aber ich denke, die aufregung wird das bald überlagern. wenn alles gut läuft, soll es heute abend schon ein pdf geben, morgen dann nur noch ausdrucken lassen, die schreibwarengeschäfte nach den schönsten deckblättern durchsuchen und die quellen-cd brennen. drückt mir die daumen!

ach so, eine frage noch: seitenzahlen lieber oben oder unter, rechtsbündig oder zentriert, was meint ihr? ich tendiere gerade zu rechts oben, obwohl sie gerade noch rechts unten sind (wie bei allen meiner bisherigen hausarbeiten), aber da kleben sie mir zu nah am text.

wirres über die verón

(achtung: fachsimpelei – können nicht nur chemiker_innen ;-) )

ich frag mich gerade, warum ich mich eigentlich so darüber aufrege, wenn andere leute in ihren diplomarbeiten so einen unsinn schreiben. könnte mir doch egal sein, oder? aber frau hager (2005: 37-40) hat wirklich schlecht recherchiert, was ihr geschreibsel über die aníbal verón betrifft:

4.2.3 Autonome Piquetero-Organisationen
Der MTD Aníbal Verón (Movimiento de Trabajadores Desocupados) ist horizontal organisiert, parteiunabhängig und lehnt den Dialog mit der Regierung sowie die Arbeitslosenunterstützung kategorisch ab. Die meisten Mitglieder aus dieser Organisation stammen aus den ärmsten Vierteln des Großraums von Buenos Aires. Ihr militanter Aktivismus ist gekennzeichnet durch Land- und Fabrikbesetzungen sowie durch ein stark gewalttätiges Auftreten bei den Straßenblockaden (Zimmermann 2003).

und zwei seiten später:

4.2.4 Piquetero-Organisationen mit territorialem Schwerpunkt
[…]
In den MTDs der Coordinadora Aníbal Verón gibt es verschiedene Strömungen, in denen besonders die MTD-La Juanita, MTD-Lanús und MTD-Solano herausragen. Die soziale Projektarbeit hat hier ein hohes organisatorisches Niveau erreicht und gliedert die Menschen durch unterschiedlichste Aktivitätsstufen in die Bewegung ein. Innerhalb der MTD-La Juanita wurden beispielsweise Gemeinschaftsbäckereien, eine Grundschule, eine Druckerei und ein Verlag gegründet. Die programmatischen und ideologischen Ziele der MTD-Lanús und der MTD-Solano konzentrieren sich auf die Herausbildung einer „Parallelgesellschaft“. Sie orientieren sich an den Ideologien der zapatistischen Bewegung in Mexiko, an der brasilianischen Landlosenbewegung und an den Vertretern der linken Autonomiebewegung sowie an den Anhängern der „teoría del antipoder“ (Almeyra: 2004: 55 ff., 79 ff.).

ok, ich geb’s zu, es ist nicht einfach, bei diesen ganzen spaltungen und bündnissen den überblick zu behalten. aber hier wird dieselbe organisation in zwei verschiedene klassifikationen einsortiert (die dazugehörigen tabellen erspare ich euch jetzt mal, da werden die fehler dann aber für insider_innen noch offensichtlicher) und dabei außerdem vermischt mit den untergruppen, die gar nicht mehr dabei sind bzw. es noch nie waren wie die mtd la juanita (la matanza). außerdem hat sich die coordinadora aníbal verón bereits mitte 2002 aufgelöst, und das hätte man wohl auch ohne feldforschung rausfinden können.

naja, wenn meine arbeit dann irgendwann im netz steht, dürft ihr sie auch gern auseinander nehmen (wenn ihr denn was findet – hehe ;-) )

worüber ich mir gerade den kopf zerbreche

hat jemand zufällig eine idee, wie man in einem ms word-dokument zwei verschiedene seitenzählungen unterbringen kann? also zuerst römische zahlen und dann lateinische, und dann aber auch so, dass die beide vom automatisch erstellten inhaltsverzeichnis berücksichtigt werden. mit abschnittsumbruch geht das irgendwie nicht, da wird trotzdem durchnummeriert. das muss doch irgendwie gehen, oder?
(ich weiß, linux ist viel toller, aber das hilft mir gerade nicht weiter …)

puh …

… gerade eine rohversion der kompletten arbeit an den lieben lektor geschickt. das war knapp, der puls auf 180 …

das kann doch gar nicht gesund sein

in argentinien berechnet sich die linie der absoluten armut nach den kosten des basisnahrungsmittelkorbs für einen monat, der nach dem bericht des nationalen statistikinstituts indec auf basis der durchschnittlichen konsummuster und dem kalorien- und proteinbedarf eines erwachsenen mannes von 2.700 kcal täglich berechnet wird und sich wie folgt zusammensetzt:

canasta basica alimentaria

man beachte bitte besonders: 6.270 gramm fleisch, 1.200 gramm öl, 1.440 gramm zucker und zusammen 240 gramm salz. demgegenüber stehen 3.930 gramm gemüse und 4.020 gramm obst, sowie, was ich besonders wenig finde, 270 gramm käse. mit 600 gramm yerba, also mate, würde ich übrigens nicht auskommen, und ich denke mal die 60 gramm kaffee wären für die meisten hier gerade mal eine tagesration …
es wird ja niemand gezungen, sich so zu ernähren, aber besonders empfehlenswert finde ich diese aufstellung nicht gerade, bei allem, was ich mir bisher so an infos über ernährung angeeignet habe. und ein bisschen verändert gegenüber den konsumgewohnheiten haben sie die liste anscheinend schon, denn alkolische getränke kommen gar nicht vor!

kristi und der 24. märz

heute vor 30 jahren …

als der putsch gegen allende seinen 30. jahrestag hatte, war das ganze hier irgendwie mehr thema – ist ja auch klar, dort wurde der versuch eines sozialistischen projekts beendet, während in argentinien in den jahren vor dem putsch das morden schon begonnen hatte. da ich nun aber nie in chile, dafür umso öfter in argentinien war, verbinde ich mit diesem 24. märz persönlich mehr als mit jenem 11. september. ich habe menschen kennen gelernt, deren eltern oder lebensgefährten von den militärs ermordet wurden oder die selbst in gefangenschaft waren und habe mich ausführlich mit der argentinischen menschenrechtsbewegung befasst, wer verfolgt hat, wie mir manchmal meine aktuellen piquetero-geschichten nahegehen, kann sich vielleicht vorstellen, wie das mit den 30.000 verschwundenen war und ist.

30.000 foto: argentina.indymedia.org

in den letzten drei jahren ergab es sich, dass ich an jedem 24. märz in buenos aires war und an den demonstrationen dazu teilnehmen konnte. bis 2004 gab es jeweils eine große demonstration, seit sich aber die menschenrechtsbewegung und die gesamte linke in einen pro- und einen contra-kirchner-teil gespalten hat, gibt es mehrere.
2003 ging kristi ganz alleine los, um den queer-block auf der erinnerungsdemo zu finden, hatte doch ein aufruf auf indymedia so etwas verlauten lassen. und prompt geriet sie in kontakt und gespräch mit freundlichen gender-aktivist_innen, die sie schon lange gesucht hatte.
2004 war kristi mit einer gruppe dort, zu besuch bei einer piquetero-organisation. dafür gab es dann die lange route, von bahnhof constitución 50 blöcke über congreso, dem traditionellen startpunkt am parlamentsgebäude, bis zur plaza de mayo.
2005 schließlich, es näherte sich das ende der feldforschung, beschloss kristi, den auflauf diverser erwerbslosenorganisationen zu nutzen, um eine kleine umfrage bezüglich der kosten und nutzen des engagements in diesen durchzuführen. es bedurfte tagelanger recherchen im vorfeld, um sich in diesem wirrwarr unterschiedlicher demorouten zurechtzufinden, ein schaubild wurde erstellt und ein genauer plan, wann wo welche organisation zu erwischen sein könnte.
traurig, dass auch die anwesenheit bei solchen anlässen verpflichtend ist und ein großer teil der menschen dahin geht, damit sie später ein paket mehl oder ähnliches dafür bekommen. hauptsache die anzahl der leute pro organisation ist so hoch wie möglich, scheint es. natürlich gibt es weiterhin einen großen teil von menschen, die wegen der sache dahin gehen. ich erinnere mich, dass eine frau, der ich mich mit meinem fragebogen näherte, auf die frage nach ihrer organisationszugehörigkeit mit madres de plaza de mayo antwortete. da hätte die anderen fragen wohl kaum gepasst. erschütternd aber andersherum: 90,3% der befragten sagten aus, dass ihre teilnahme mindestens einmal pro demo überprüft werde.

heute ist der 24. märz zum ersten mal ein feiertag, und auch das ist umstritten. aber ob die generäle wirklich nochmal in den knast kommen, ist noch eine andere frage. für heute nachmittag rufen 370 organisationen zur demo auf, die kirchner-madres haben das bereits heute nacht getan. ein paar hintergrundinfos dazu dürften heute auch in allen hiesigen ernst zu nehmenden tageszeitungen zu finden sein.







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